Diese Frau ist gezeichnet! Und ausgezeichnet. Ausgezeichnet wurde Susanne Brunner als Journalistin des Jahres. Mit Mut, Haltung und der wichtigen journalistischen Objektivität berichtet sie aus dem Nahen Osten. Sie würde auch aus Liechtenstein kritisch berichten, meinte sie, und Scharfe Zungen sagen: Das wäre dann wirklich Naher Osten, näher geht’s nicht.
In all den Gesprächen und Ehrungen wurde der verstorbene Peter Bichsel kurz gestreift, von anderen grossen Namen wurde gesprochen. Nur die kürzlich verstorbene Ellen Ringier wurde mit mit keiner Silbe erwähnt. Deshalb schrieb ich während der Auszeichnungen einen Nachruf auf sie. Und Corinne Sutter hat sie gezeichnet. Ausgezeichnet.
Scharfe Zungen zum Tod von Ellen Ringier
«Du hesch aber e Verlag i dim Zimmer“ pflegte meine Grossmutter zu sagen. «Einen Verlag haben» ein alter Schweizer Ausdruck für «Unordnung haben». Ein aktueller Schweizer Ausdruck dafür wäre «ein Puff haben». Für deutsche Ohren ist beides verstörend.
Es gehörte sich nicht, einen Verlag zu haben, schon gar nicht für ein Mädchen. In Sachen Ordnung wurden Mädchen und Knaben mit zweierlei Ellen gemessen. „Mit Ornig gäng‘s ringer“, sagte meine Grossmutter. «Ringer», auch dies ein geläufiger Ausdruck in der Schweiz, es geht «ringer», es geht einfacher.
Meine Grossmutter hielt Ordnung und trennte allwöchentlich die Comics von «Ringgi und Zofi» aus dem Gelben Heft vom Ringier-Verlag. «Ringgi und Zofi» benannt nach «Ringier Zofingen», die Schweizer Version von Tim und Struppi: Ein rasender Reporter erlebt Abenteuer auf der ganzen Welt, sein bester Freund ist ein Hund, dieser ist bedeutend wichtiger als irgend eine Frauenfigur in diesen Comics, Frauen kommen eigentlich ohnehin fast nicht vor, damals wurde noch mit zweierlei Ellen gemessen. Ende Jahr nähte meine Grossmutter die Comic-Seiten zusammen. So hatten wir als Kinder «Ringgi und Zofi»-Comic-Bücher mit Doppelnaht am Buchrücken. «Dopplet gnäiht hebt besser», sagte meine Grossmutter. Mädchen mussten damals noch nähen lernen, im Gegensatz zu den Jungs, auch hier wurde mit zweierlei Ellen gemessen. Das fand ich unfair, ich weigerte mich, nähen zu lernen und meinen Verlag aufzuräumen.
Heute weiss ich, dass es ringer gehen würde, wenn man nähen könnte und nicht alles verlegen würde. «Wenn ich einen Verlag habe, dann werde ich halt Verlegerin», entgegnete ich irgendwann, ohne zu wissen, was eine Verlegerin ist. Das Wort hatte ich irgendwo aufgeschnappt, es schien mir folgerichtig. Verlegt habe ich seitdem vieles, nur keine Magazine, Zeitungen oder Bücher.
Die Grande Dame des Schweizer Verlagswesens, Ellen Ringer, lernte ich erst sehr viel später kennen. Da sass sie, im Bundeshaus an der Frauen-Session, umschwärmt und umgarnt von Politikerinnen aller Farben. Ein bunter Haufen war es, so bunt wie die Comics von Ringgi und Zofi, ein schwirrender Bienenstock. Wie eine Königin wider Willen thronte sie in der Mitte.
Ellen Ringier war eine Erscheinung. Eine grosse Frau. Gross waren ihr Wissen, ihr Wirken und ihre Ideale. Sie war Rechts-Gelehrte, aber keine Rechts-Gerichtete. Sie hatte Geld und Macht und trug keine botoxierte Maske wie Musk. Im Gegenteil: Statt Statussymbolen trug sie Verantwortung. Diese bringe der Reichtum mit sich. Es gehe nicht an, dass man Reiche mit anderen Ellen messe als Unterprivilegierte, wer reich sei, müsse auch für die Allgemeinheit sorgen.
Es bräuchte, gerade heute, mehr Ellen und weniger Elon. Alain, der einzig an besagter Frauensession zugelassene Mann, damals Bundespräsident, drängte zu ihr hin, begrüsste sie, als ob sie Audienz halten würde. Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und bedeutete ihm, dass ich ihn interviewen wolle, er solle sich doch kurz Zeit nehmen. Sie brachte Menschen zusammen, sie wollte nicht spalten. Allein, Alain war selbst von Ellen nicht zu bewegen, sie quittierte es mit einem Lachen, wischte sich nonchalant eine ihrer silbernen Locken aus dem Gesicht. «Du wirst schon einen Weg finden!».
Sie war nicht nur Verlegerin, sie war Wegbereiterin. Für Kinder, für Jugendliche, für marginaliserte Gruppen, für Kultur, für Frauen. Sie erschien stets im Gewand gegen Menschenfeindlichkeit, «Rock gegen Hass». Als pädagogisch interessierte Verlegerin hätte sie den einen oder anderen Erziehungstipp bereit gehabt für meine Eltern und meine Grossmutter.
Und als engagierte Pfadfinderin hätte sie bestimmt Wege gefunden, im Verlag in meinem Kinderzimmer, zwischen den Comics, Magazinen und Zeitungen. Ringier geht’s ohne sie auch nicht mehr.
Danke Ellen, mit dir können sich die wenigsten messen.
Text: Patti Basler
Karikatur: Corinne Sutter
Foto von Susanne Brunner im Kommentar: Walter Bieri
Bichsel verkörperte wie kein anderer den Citoyen, den Bürger mit Zivilcourage,der einsteht für seine Haltung, auch entgegen den Herrschenden oder zumindest entgegen der herrschenden Meinung. Er war ein Kurzgeschichtenautor, wie er im Schulbuch steht. Dort lernte ich seine fein beobachteten Erzählungen kennen und lieben. Und eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann gerne kennen lernen. Die Kurzgeschichte war im Lesebuch enthalten, als wir uns noch heimlich Zettel zusteckten. Ich war die Tochter von Bauersleuten, konnte übers Wetter reden, aber zum Milchmann hatte ich so wenig Bezug wie zur Stadt Paris. Im Gegenteil: Milch kam direkt von der Kuh. Wir können als Kind halt nicht bestimmen, wo wir wohnen.
Es war jene Zeit, in der mit Kolumnensammlungen Preise gewonnen und Bestseller geschrieben wurden. Schriftsteller waren im Hauptberuf Lehrer, Schweizer Litratur war männlich, Hasskommentare waren nicht salonfähig, jedoch beizentauglich. Die Zettelwirtschaft von Frau Blum und dem Milchmann war WhatsApp und Tinder des letzten Jahrtausends, der Stammtisch war die Kommentarspalte, nur dass dort Schreiberling und Kommentator sich physisch begegneten und austauschten.
Als ich das Lesen begonnen hatte, Kindergeschichten und Schilder beim Eisenbahnfahren, erlag ich dem Lesen, dem Erzählen. Selbst die Aufschrift vom Drehhahn der Klo-Heizung versuchte ich zu entziffern, um die schöne Schwester Langeweile bei WC-Gang zu vertreiben. Auf dem Drehhahn stand: «Zu – Auf – Olten». Ich ahnte nicht, dass «Olten» der Herstellungsort war. Das ist schnell gesagt, doch in meiner kindlichen Fantasie war «Olten» eine Präposition der Mitte, irgendwo, anderswo, zwischen zu und auf, zwischen offen und geschlossen, mittendrin, Mittelmass, Mittelland, des Schweizers Schweiz. Bis ich erfuhr, dass «Olten» eine Stadt war, vom heimischen Fricktal aus gesehen in der Nähe der ewigen Dampfwolke. Die Jahreszeiten liessen dieses vom Kernkraftwerk Gösgen produzierte Wolkengebirge im Licht changieren.
Viele Jahre später, nachdem ich Schulmeistereien gelesen und betrieben hatte, lernte ich ihn endlich kennen, den grossartigen Schriftsteller, welchen ich bisher nur als liebevoll parodierte Mike-Müller-Figur gekannt hatte. Wir sassen am Stammtisch vom Kreuz, sprachen über Gott und die Welt und über das Schaukelpferd in Bichsels Garten. Er entpuppte sich als Sport-Fan, schwärmte von Schwingerkönig Kilian Wenger, der spielerisch die Gegner bezwinge, eine Freude, da stimme einfach alles, Kilian Wenger sei virtuos, akrobatisch, ein Künstler seines Fachs. Überrascht fragte ich nach, ob er Fan des Schwing-Sports sei, dass er so viel über Wenger wisse. Er rede vom Slampoeten, nicht von einem Schwinger, entgegnete Peter Bichsel.
«Ziegler, Kilian Ziegler, meinst du», entgegnete ich, «Ziegler arbeiten mit dem Oberstübchen, mit dem verbalen Dach !» – «Jaja», lachte Bichsel, «das süsse Gift der Buchstaben, das hat er alles von mir gelernt, der Kilian Wenger». «Nicht nur der Kilian», antwortete ich.
Dass er dann weiterhin konsequent den falschen Namen sagte, passt zu ihn. Bichsel war nahe am Menschen, ob bodenständig im Sägemehlring mit dem Wenger Kilian oder im verbalen Überbau mit dem Ziegler. Er sass mit allen zusammen und setzte sich mit allen auseinander, am Tisch in der Beiz.
Am Ende der Revolutionen, wenn Apps und Tech-Konzerne untergegangen sind, werden wir uns wieder mit Hilfe von Zetteln mitteilen. Wie Frau Blum und der Milchmann. Oder uns am Stammtisch kennen lernen.
Danke, Peter Bichsel. Es waren nie Geschichten zur falschen Zeit. Deine Schulmeistereien erteilst du nun hoffentlich einige Stockwerke höher. Es scheint nötiger denn je.
Scharfe Zungen
Text: Patti Basler
Karikatur: Corinne Sutter